Archiv der Kategorie: Empirie

Lesarten des Berichts zu Online-Buchungsportalen von Hotelzimmern

Die EU-Kommission hat eben den erwähnten Bericht publiziert. Darin hat sie zusammen mit den Wettbewerbsbehörden von zehn Mitgliedstaaten untersucht, welche Auswirkungen die Eingriffe dieser Behörden auf die Wettbewerbsverhältnisse im Bereich der Hotelbuchungsportale hatten. Bekanntlich haben einige dieser Behörden sowohl die engen wie auch die weiten Paritätsklauseln untersagt; andere Behörden – auch die Schweizer WEKO – haben „bloss“ die weiten Paritätsklauseln untersagt.*

Dem Bericht ist zu entnehmen,

  • dass etwa die Hälfte der befragten Hotels nichts von den durch die Wettbewerbsbehörden veranlassten Vertragsänderungen wussten (Rz. 8) und
  • dass „79% of the hotels that responded to the electronic survey across the ten participating Member States said that they had not price differentiated between OTAs in the period since Booking.com and Expedia switched from wide to narrow parity clauses.“, denn gemäss 53% dieser Hotels gibt es keinen Grund, die verschiedenen Buchungsplattformen unterschiedlich zu behandeln (Rz 9).
  • dass das Verbot der weiten Paritätsklauseln „led to an increase in room price differentiation between OTAs by hotels in eight of the ten participating Member States“ (Rz. 11 a) und
  • dass das Verbot auch der engen Paritätsklauseln in Frankreich und Deutschland „led to an increase in room price differentiation between OTAs by hotels“ (Rz. 11 b und c).

Die Wettbewerbsbehörde des Vereinigten Königreichs (CMA), welche „nur“ die weiten Paritätsklauseln untersagt hatte, hat aufgrund dieses Berichts entschieden, die Bücher zu schliessen, denn „[w]e consider that it is too early to reach any conclusions on whether socalled ‘narrow’ parity clauses (…) should separately be regarded as giving rise to competition concerns and therefore warrant investigation by the CMA.“ Das Bundeskartellamt (BKartA), welches auch die engen Paritätsklauseln verboten hat, jedoch „versteht den Bericht als Bestätigung, dass bei der konkreten Ausgestaltung der wettbewerblichen Maßnahmen insbesondere die jeweiligen Besonderheiten der verschiedenen nationalen Hotelportal-Märkte zu berücksichtigen sind.

Es ist sicherlich zu begrüssen, dass die Wettbewerbsbehörden die Wirkungen ihrer Eingriffe messen wollen. Ein paar Anmerkungen drängen sich indes auf:

  • Die Behörde hat diesen Bericht selbst erstellt, d.h. es ist keine unabhängige Darstellung der Sachlage. Dass die Behörde ein Interesse daran hat, ihre Eingriffe als wirksam und positiv darzustellen, dürfte nicht abzustreiten sein. Die Interpretation der Berichtsergebnisse durch das BKartA und die CMA sind daher wenig überraschend nicht ganz widerspruchsfrei (entweder verfügt man über genügend Kenntnisse, um einen Sachverhalt zu beurteilen, oder eben nicht).
  • Wahrscheinlich ist es eh noch zu früh, um die Auswirkungen der Eingriffe zu beurteilen. Die Hälfte der Hotels hat keine Kenntnis von den Behördeneingriffen und drei Viertel gedenken nicht zu reagieren oder haben noch nicht reagiert.
  • Im Bericht selbst werden an den Resultaten eine Menge Vorbehalte angebracht (u.A. teilweise geringer Rücklauf, teilweise seien die Fragen nicht verstanden worden). Es darf zumindest gefragt werden, ob eine solche Datenlage verlässliche Ergebnisse zulässt und nicht bloss Scheinkorrelationen hervorbringt.

Die Hotelplattformen haben ein für die Hotelgäste zweifelsohne tolles Produkt kreiert. Die Wettbewerbsbehörden möchten dieses Produkt durch zusätzlichen Wettbewerb noch etwas verbessern, verstehen die Zusammenhänge aber nicht wirklich. Das könnte auch schief gehen. Mir scheint, dass es in dieser Sache eh weniger um zusätzlichen Wettbewerb unter den Buchungsplattformen geht, sondern vielmehr um einen Verteilungsstreit. Darum will sich jetzt ja der Preisüberwacher kümmern. Der bisher vielleicht angerichtete Schaden durch die Eingriffe der Wettbewerbsbehörden könnte somit grössere Ausmasse annehmen.

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*“Paritätsklauseln der Buchungsplattformen enthalten die Verpflichtung für Hotels, auf dem jeweiligen Hotelbuchungsportal mindestens einen ebenso günstigen Preis wie auf der hoteleigenen Website („enge“ Paritätsklausel) oder darüber hinaus auch auf allen anderen Buchungskanälen den gleichen Preis („weite“ Paritätsklausel) anzubieten.“ (Bundeskartellamt)

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OECD: Assume that no intervention will have a negative impact

Die OECD hat eben einen Leitfaden publiziert, welcher den Wettbewerbsbehörden dabei helfen soll den Erfolg ihres Wirkens abzuschätzen.

Ganz wichtig dabei ist das Leitprinzip „Assume that no intervention will have a negative impact. No agency would intervene to block a merger or stop a business practice if it considered that its decision would not generate any benefits for consumers. Hence, it can be assumed that all the authority’s decisions will have a positive impact.“

Ich hoffe mit den Experten der OECD, dass die Behörde nur interventiert, wenn sie glaubt, der Eingriff hätte positive Wirkungen. Bloss garantiert der Glaube an die eigene Fehlerlosigkeit keine Unfehlbarkeit.

Vielleicht hätte dieser Post besser zum Blog „Regulatory Madness“ gepasst.

 

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Hochpreisinsel? Schweizer können sich die grössten Warenkörbe leisten!

–> beziehungsweise müssen für einen internationalen Standardwarenkorb am wenigsten lange arbeiten.

Preise und Löhne iPhone App: Scannen Sie den Code und vergleichen Sie Löhne und Preise mit ihrem Handy.

Soeben erschienen: „Preise und Löhne“ – Ein Kaufkraftvergleich rund um die Welt, Ausgabe 2012, UBS.

Kürzlich hat H.U. Schöchli in der NZZ belegt, dass in den Ländern mit den höchsten Güterpreisen auch die höchsten Löhne bezahlt werden. Nationale Preis- und Lohnniveaus sind eng korreliert. Ob hohe Löhne bezahlt werden können, weil die Preise hoch sind, oder die Preise hoch angesetzt werden, weil auch hohe Löhne gegeben sind, wird daraus nicht ersichtlich (Huhn-Ei-Problematik). Mit etwas mikroökonomischer Theorie kann aber gezeigt werden, dass sich Lohn- und Preisniveau gegenseitig beeinflussen (Wechselwirkung). Soweit staatliche Preiszwänge gegen die Hochpreisinsel nicht durch reduzierte Qualität und Verfügbarkeit betroffener Güter „gekontert“ werden, schlagen sie sich früher oder später auch in niedrigeren Löhnen nieder.  Die nationalen und die internationalen Anbieter in der Schweiz werden nur durch nationalen und internationalen Wettbewerb zu besseren und günstigeren Leistungen gezwungen, nicht durch legalistische Zwangsmassnahmen eines Kleinstaats.

Die UBS-Statistik zeigt, dass in der Schweiz (Zürich und Genf) zwar seit Jahren weltweite Spitzenpreise, jedoch auch weltweite Spitzenlöhne bezahlt werden. Massgebend für den Wohlstand sind aber nicht die absoluten, sondern die relativen Niveaus von Löhnen und Preisen. Für jeden Haushalt, ist entscheidend wie hoch seine Kaufkraft ist, wie viele Güter und Dienste er sich mit seinem verfügbaren Einkommen leisten kann. Aus der iPhone App (empfehlenswerte Spielerei) lässt sich neben unzähligen weiteren Beispielen etwa das folgende Beispiel (zufällig gewählt) herauslesen: In Zürich kostet ein Warenkorb an Haushaltgeräten CHF 4’998, in London CHF 3’599 – also massiv weniger. Allerdings verdient ein gelernter Automechaniker in Zürich brutto CHF 72’341, während sein Londoner Kollege nur auf CHF 35’294 kommt. Nach Steuern verbleiben dem Zürcher CHF 54’761, dem Londoner noch CHF 27’321. Somit entspricht das effektiv verfügbare Einkommen des Zürchers 11 Haushaltsgerätewarenkörben, dasjenige des Londoners 7.6 solchen Körben. Dieses relative Verhältnis ist, was letztlich zählt.

Testen Sie die App, Sie werden erstaunliche Vergleiche vorfinden. Die (nominelle) Hochpreisinsel ist in der Tat „ein Phantomproblem“, wie es schon Prof. Jörg Baumberger ausdrückte.

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Zur „Hochpreisinsel Schweiz“: Wie die Löhne, so die Preise

Der bedeutendste Grund für das hohe Preisniveau in der Schweiz liegt im hohen Wohlstand. Das erschwert die Wirkung politischer Bemühungen zur Bekämpfung der «Preisinsel Schweiz».

Lesen Sie weiter im ausgezeichneten Beitrag von NZZ-Redaktor H.U. Schöchli.

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Schweizer Automobilisten profitieren (angeblich) von WEKO-Regulierung

Laut einer Pressemitteilung soll eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Auftrag des Autogewerbeverbandes Schweiz (AGVS) ergeben haben, dass die Schweizer Autokäufer von Massnahmen der WEKO profitieren. So hätten sie seit dem Jahr 2005 bei Autokäufen dank dem WEKO-Regelwerk Kfz-Bekanntmachung rund 110 Mio. Franken gespart. Weiterlesen

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SIEC- und Dominance-Tests: Etwas (nicht schlüssige) Empirie

Da der SIEC-Test den Behörden mehr Ermessensspielraum gibt und der Dominance-Test nach Ansicht des BR zu permissiv ist – ohne dass der BR allerdings ein Beispiel für einen Regulierungsfehler II (= keine Eingriff, wenn tatsächlich einer angezeigt wäre) nennen könnte -, leuchtet es ein, dass die Einführung des SIEC-Tests voraussichtlich zu vermehrten Eingriffen führen wird (so auch der BR in seiner Botschaft, S. 75).

Ich habe nun zwei Aufsätze aufgestöbert (hier rund hier), welche die Auswirkungen des Übergangs vom Dominance-Test zum SIEC-Test in der EU empirisch untersucht haben. Beide gelangen zum Schluss, dass sich die Behördeninterventionen verringert haben. Zwar haben die Interventionen in Phase I (Vorprüfung) der Zusammenschlussverfahren stark zugenommen, aber insgesamt ist eine signifikante Abnahme der Eingriffe zu verzeichnen. Weiterlesen

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